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Erfolgreiche Premiere: "GEGEN Trilogie" am 15.02.2014


Grell geschminkter Horror

Marathon. Eine Trilogie aus 21 Szenen voll bösem schwarzen Humor zeigt das Theater Ecce auf großer Fahrt. Sie führt bis ins rumänische Sibiu.

KARL HARB SALZBURG (SN). Fünf Stunden Theater inklusive zwei Pausen: Das braucht schon – auch – gute Gründe. Das Theater Ecce und das Odeïon fanden sie einerseits im Autor. Der 1976 geborene Katalane Esteve Soler hat eine Trilogie geschrieben: „Gegen die Demokratie“, „Gegen die Liebe“, „Gegen den Fortschritt“. Jedes Thema hat er in sieben kurze, burleske, „knackige“ Sketches gekleidet. Das macht in Summe 21 kompatible Kurzdramen. Gemeinsam ist ihnen ihr böser, zynischer, albtraumhaft-horroresker Humor.
Der geht beispielsweise so: Ein Paar feiert den 18. Geburtstag seines Sohnes. Eigentlich wollte Mama abtreiben. Jetzt aber, mit der Großjährigkeit, ist tatsächlich Schluss. Lächelnd im Anblick der Sahnetorte wird der Junge abgeknallt.
Oder: Im 6. Stock eines Hauses fragen sich plötzlich alle, welche Zahl kommt danach. Ein Mutiger wagt es, höher zu steigen. Prompt stürzt er ab.
Oder: Eine Prinzessin verlangt vom Bauern, der sie erobern will, das Herz seiner Mutter: ein altes Märchenmotiv, Kasperltheater und Grand Guignol. So wie die Szene, wo der Ex-Mann von seiner Frau derart Besitz ergreift, dass er ihr bis in den Magen kriecht – und nur noch als Wurm ausgespuckt werden kann.
Finsterste Szenen ereignen sich „gegen den Fortschritt“. Ein Mann wird auf der Straße ungerührt verrecken gelassen. Oder eine Robbe erschlägt ein Menschenbaby. Erfahrene Theaterbesucher mögen dabei an das legendäre Stück „Gerettet“ (1967) von Edward Bond denken oder an die schwarzen Komödien des Autors und Zeichners Roland Topor. 
Der zweite gute Grund für den erstaunlichen Theatermarathon ist die Kooperation mit der Deutschen Abteilung am Nationaltheater Radu Stanca in Sibiu/Hermannstadt, Rumänien. Es ist ein Blick in eine zugleich fremde und vertraute Kultur. Die deutschsprachigen Schauspieler – darunter auch der Österreicher Wolfgang Kandler – bedienen in der 170.000 Einwohner zählenden Stadt nicht nur die nur noch 2000 deutschsprachigen Bewohner, sondern locken auch die Rumänen in ihre Abteilung des Nationaltheaters.
Sibiu, als Hermannstadt das einstige Zentrum der Siebenbürger Sachsen, pflegt damit eine Enklave. Sie erscheint nicht auf dem Radar „großer“ (= westlicher) Theater, sollte aber sehr wohl europäisch wahrgenommen werden.
Gespielt wird mit vollem Engagement und professionell ausgefeiltem Können. Man gibt den Szenen „Gegen die Demokratie“ Tempo und Biss, wohingegen man sich „Gegen den Fortschritt“ auf Reinhold Tritschers eher realistisch ausmalende Regieführung einlässt.
Das Juwel der Trilogie freilich steuert das heimische Theater Ecce bei. Marie Hoppe gelingt mit „Gegen die Liebe“ eine so liebevolle wie schräge, dabei passgenau kluge Lesart der Kurzszenen in einer verblüffenden, witzig-ironischen Bildlösung, mit Schauspielern, die man selten so diszipliniert und präzise gesehen hat. Diese tolle Stunde ist das Originellste, was derzeit auf Salzburger Bühnen zu erleben ist. Theater: Trilogie von Esteve Soler, einzeln am 16., 20., 21., 22. und 27.2., zweiter Marathon am 23.2. ab 17 Uhr. www.odeion.at

http://search.salzburg.com/display/ks171400_17.02.2014_41-51142632

„Soler-Trilogie“ – Gefangen im Netz der Spinne


Mit einem „Theaterhalbmarathon“, einer Koproduktion mit der Deutschen Abteilung am Nationaltheater RADU STANCA Sibiu/Rumänien, begeisterte am 15. Februar 2014 der künstlerische Leiter des Odeïon Kulturforums Salzburg, Reinhold Tritscher, das Publikum. Die drei surrealistisch geprägten Theaterstücke des katalanischen Erfolgsautors Esteve Soler reflektieren den Verlust der Menschlichkeit in der heutigen Gesellschaft mit viel schwarzem Humor.

Von Elisabeth Pichler.

Die Gäste aus Rumänien eröffnen den Abend mit „Gegen die Demokratie“, sieben kurzen, nicht miteinander verbundenen Szenen, in denen die Auswüchse unserer Zeit aufgezeigt werden. Die Situationen sind absurd und grotesk. Ein Ehepaar, gefangen im Netz der Spinne, erkennt zu spät seine fatale Situation. Fast unerträglich das Geschwätz zweier machtbesessener Politiker, die eine ganze Stadt ausgelöscht haben, um sie wirklich zu besitzen. Eine Familie feiert den 18. Geburtstag ihres Sohnes, nur um ihm endlich mitzuteilen, wie unerwünscht, unrentabel und überflüssig er sei. Die makabre Lösung dieser Fehlinvestition wird fürs Familienalbum festgehalten.

Zur Entspannung wurde das amüsante Stück „Gegen die Liebe“, eine Koproduktion des ES Theaters, Theaters ecce und des Odeïon Kulturforums Salzburg, vorgezogen, bevor es mit „Gegen den Fortschritt“, wieder ernst werden sollte. Jurij Diez, Gerard Es, Anna Paumgartner und Julia Urban begeistern in sieben kleinen Szenen, in denen die Liebe ad absurdum geführt wird. Das Bühnenbild, in raffinierter Guckkastenoptik, gibt anfangs den Blick auf ein Kasperltheater mit einer bitterbösen, herzlosen Prinzessin frei. Jurij Diez hingegen steht nach einem kleinen Streit mit seiner frisch angetrauten Gattin im wahrsten Sinne des Wortes vor den Scherben seines Glücks. Anna Paumgartner quälen andere Probleme, sie kann ihren Ex nicht loswerden, er hat sich bei ihr „eingenistet“. Ganz nahe ans Publikum rückt Gerard Es mit der berührenden Beichte eines Pornofilm-Casting-Direktors, den die „romantische Gerechtigkeit“ eingeholt hat.

Über missglückte Liebe lässt sich leichter lachen als über die wirklich großen Probleme, die in „Gegen den Fortschritt“ angesprochen werden. Trotz anfangs banaler Alltagssituationen lauert das große Unbehagen in jeder Szene. Wo bleibt die Humanität, wenn ein armes, hungerndes Kind aus Afrika plötzlich aus dem Fernseher steigt und mitten auf dem Couchtisch landet? Warum wird dem Schwerverletzten von der arroganten Passantin nicht geholfen? Der Firmenchef, der eine eigene Religion gründet und sich selbst zum Abgesandten Gottes macht, wirkt eigentlich gar nicht so surreal wie etwa der riesengroße Apfel, der ein ganzes Zimmer einnimmt und Adam und Eva schwer zu schaffen macht. Für den großen Showdown sorgt eine riesige Robbe, die sich gegen den Massenmord an den Robbenbabys rächt und einfach den Spieß umkehrt.

Es ist nicht verwunderlich, dass die „Gegen-Stücke“ in vielen Theatern Europas auf dem Spielplan stehen, denn Esteve Soler schafft es mit seinem hochpolitischen Text voll schrägem Humor und Übertreibungen, auf die Auswüchse unserer Zeit hinzuweisen. Eine düstere Zukunftsvision, die aufrüttelt, in dieser Überzeichnung aber unterhaltsam und amüsant ist. Am 23. Februar 2014 gibt es (ab 17 Uhr) noch einmal die Gelegenheit, alle drei Stücke an einem Abend zu genießen. Wer schwarzen Humor liebt, sollte sich diesen großartigen Theaterabend mit phantastischen Schauspielern aus Österreich und Rumänien nicht entgehen lassen.